Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 4 I 26 des Kulturtipps.
Bild: ALPS
In der Schweizer Museumslandschaft geniesst Grönland aktuell viel Aufmerksamkeit. Ganz anders jedoch, als es der Insel auf der politischen Bühne wiederfährt.
Grönland steht im Fokus: Es geht um Handelswege, um Machtdemonstrationen und Bodenschätze.
Im Berner Museumsquartier hingegen zeigen aktuell zwei Ausstellungen andere Seiten Grönlands. So wie auch im Nordamerika Native Museum Zürich «An der Eiskante. Unterwegs in Nordgrönland».
Im ALPS, dem Alpinen Museum der Schweiz in Bern, steht «Grönland – Alles wird anders» seit Oktober 2024. Hier kommen in rund 30 Videos Menschen aus und in Grönland zu Wort. Vom Fischer über die
Schauspielerin, von der Politikerin zum Ex-Pilot, zum Rapper, zum Jäger und zur Influencerin.
«Wir wollten hier nicht unsere Sicht auf das Land zeigen, sondern den Menschen dort eine Stimme geben. Menschen, über deren Köpfe hinweg immer wieder entschieden und verfügt wurde», sagt der
Kurator Beat Hächler und spricht damit eines der grossen Themen an, das über den ganzen Interviews schwebt: Die Kolonialgeschichte Grönlands. «Wir wollten die Diversität, die Widersprüchlichkeit
und Tiefe der Grönländischen Kultur und Gesellschaft zeigen», so Hächler. Das Interesse an der Ausstellung sei gross, die Besucherzahlen hätten auch im Januar 2025 nach Trumps ersten Andeutungen
nochmals stark angezogen. «Wir spüren, dass die Leute von weiter her anreisen. Und mittlerweile haben auch international mehrere Museen Interesse angemeldet, die Ausstellung übernehmen zu
wollen», sagt Beat Hächler. Mit Frankfurt, Valencia, Warschau und Budapest sei man in Kontakt.
Dekolonialisierung, nicht umgekehrt
Im ALPS ist man glücklich darüber, die Recherche und Dreharbeiten gemacht zu haben, bevor Grönland so in den Fokus gerückt sei. «Es braucht Langsamkeit für solche Gespräche. Etwas schnell zu
produzieren ist in Grönland allgemein schwierig, aber jetzt noch viel mehr», so Hächler. Das Bedürfnis sich zu schützen und zuzumachen sei aktuell stark zu spüren, sagt Beat Hächler und ergänzt:
«Ich kann mir vorstellen, dass es für die Grönländer:innen ein riesiges und schmerzhaftes Deja-vu ist, zum Spielball einer anderen Nation zu werden.»
Denn Grönland, seit 1721 unter dänischer Herrschaft, ist gerade erst dabei, sich dieser langsam und mühselig zu entledigen – sich gewisser Teile überhaupt erst bewusst zu werden. Das wird klar in
der Ausstellung, durch die verschiedenen Stimmen: Wie stark der Dekolonialisierungs-Prozess erst richtig im Gange ist. «Und dann kommt die nächste Nation und stellt irgendwelche Ansprüche – wie
frustrierend muss das sein», so Hächler.
Das wird auch in den Videos der Ausstellung klar. Ein Unternehmer spricht beispielsweise wirtschaftliche und politische Ebenen der Unterdrückung an: Dass praktisch alle grönländischen Unternehmen
noch heute in dänischer Hand sind oder man als Däne in Grönland eher eine Hypothek oder ein Darlehen bekommt. Dass man tausenden grönländischen Frauen ohne ihre Zustimmung die Spirale einsetzte,
um die Geburtenzahlen der indigenen Bevölkerung zu minimieren. Dass kritische Grönländer:innen umgesiedelt wurden. «Das hatte Einfluss auf unsere soziale DNA», sagt er. «Wir sind immer
vorsichtig.»
Integriert in die eigene Kultur
Was die Kolonialisierung mit der Kultur machte, erklärt auch die junge Künstlerin Seqininnguaq Poulsen. «Wir wurden – im Gegensatz zu anderen Kulturen, welchen zum Beispiel das Land genommen
wurde – vielmehr mental kolonialisiert», sagt sie. Ihre Identität sei kleingemacht worden über Jahrhunderte und erst gerade passiere ein Wiedererwachen ihrer Kultur. Poulsens Interview ist im
Bernischen Historischen Museum zu sehen. Die dortige Ausstellung «Grönland in Sicht! Perspektiven auf ein koloniales Erbe» baut, inspiriert und ergänzt durch die ALPS-Ausstellung nebenan, auf der
hauseigenen Sammlung auf. Auf 150 Objekten, die seit Jahrzehnten praktisch unbeachtet im Depot gelegen hatten.
Die Exponate aus Schweizer Expeditionen schlagen den Bogen zur Gegenwart. Was erzählt die Sammlung tatsächlich über Grönland und was über die Schweizer Sammler? Was projizieren wir in die Objekte
hinein? «Diese Fragen stellen wir in der Ausstellung. Und nicht, was sie uns über das heutige Grönland sagen», betont die Kuratorin Mira Shah. Man wolle dem Publikum den Spiegel vorhalten und
reflektieren, wie wir auf indigene Kulturen blicken.
Das Lieblingsstück von Shah in der Ausstellung ist ein Oberteil mit aufwendigem Kragen aus Perlenstickereien. Dieses National Costume, eine Art Tracht der Frauen, ist nicht nur traditionelles
Handwerk, sondern zeigt gleich zwei Einflüsse der Kolonialisierung und Missionierung auf, die sich eingeschlichen und eingearbeitet haben in indigene Tradition. «Einerseits sind da die
Glasperlen, ein in Europa billig produziertes Gut, mit welchem kolonialisierte Völker oft beim Handel über den Tisch gezogen wurden», erklärt Shah. Und dazu kommt der Anlass, die protestantische
Konfirmation, zu welcher diese Costumes genäht und in der Familie verschenkt werden.
Die grönländische Filmemacherin Aka Hansen habe bei ihrem Besuch im November – gemeinsam mit der Influencerin Qupanuk Olsen – erwähnt, dass ihre Tochter nun selbst bei ihrer «Non-Firmation» ein
solches Costume getragen habe.
An dem Abend mit den beiden Grönländerinnen sei im Publikum die Frage nach der aktuellen Situation aufgetaucht. Diese sei nervenaufreibend, hätten diese erklärt. Es sei schwer, Hoffnung zu
bewahren, wenn man das Gefühl habe, in der Geschichte zurückgeworfen zu sein. «Sie sagten aber auch, dass sie darauf hoffen, irgendwann als freies Volk mit indigenen Rechten und wirtschaftlichem
Wohlstand dastehen zu können. Doch das hänge auch von der Welt ab», so Mira Shah.