Eine Ehre für die Damen?


Dieser Text erschien in der Aargauer Zeitung, der Luzerner Zeitung, der Zuger Zeitung, der Nidwaldner Zeitung und der Obwaldner Zeitung am 19.02.2026
Bild: Die böse KI

Ich mag die Fasnacht wirklich gern. Das Basteln schon Wochen zuvor, die blechernen Versionen alter Hits, die Kreativität überall. Natürlich gibt es auch einiges, das mir weniger gefällt: das Gesaufe um des Saufens willen. Die Kostüme von der Stange. Und da ist noch etwas, das mich persönlich seit früher Jugend irritiert – im Rahmen der fasnächtlichen Männerbünde: die sogenannten «Ehrendamen» auf den Bühnen der Fasnachtszünfte. Junge Frauen, deren Funktion darin besteht, lächelnd neben dem Zunftmeister zu stehen, für Fotos zu posieren, die Hand auf seiner Schulter.
Ich stand schon als Jugendliche irritiert im hinteren Teil der MZA, als der Zunftmeister die Insignien nicht etwa vom Vorgänger überreicht bekam, sondern von stummen Damen. Männer sprachen, Männer ehrten, Männer scherzten, Männer wurden geehrt. Die «Ehrendamen» standen dekorativ daneben – als hätte man sich statt für Blumengestecke einfach bloss für junge Frauen entschieden.
Ich fragte mich: Wie kann man es ernst meinen, uns als Ehre zu verkaufen, dass wir nichts weiter als Dekoration sein dürfen? Dass wir, reduziert auf ein hübsches Lächeln, ein hübsches Figürchen in einem hübschen Kleidchen, danebenstehen, während sich alte Männer in schlecht sitzenden Anzügen gegenseitig Macht und Status zuschanzen?
Später vermischte sich die Rolle der dekorativen Damen aus den Zünften mit vielen weiteren.  Mit jungen, attraktiven Frauen in Auto-Werbungen. Ich erkannte sie wieder in den Boxen der Formel 1, oder in italienischen Quizshows. In diese Reihe stellt auch Soziologie-Professorin Dr. Katja Rost die Ehrendamen erstmal. «Die Historie ist voller solcher Rollen für Frauen», sagt sie und nennt neben Hostessen am Autosalon oder Weinköniginnen auch die Darstellungen von Frauen in der Malerei der unterschiedlichsten Epochen. «Der Grund dafür ist einfach», sagt sie: «Die Gesellschaft schaut sich gerne junge, schöne Frauen an», so Rost. Es handle sich deshalb um eine Art Marketing-Instrument. «Andererseits komplementieren sie auch ein Bild, das aus einem älteren Mann mit Macht und Einfluss auf der einen Seite besteht.» Diese positiv mit Männlichkeit verknüpften Punkte werden ergänzt durch Schönheit, Jugend, Unschuld und Fruchtbarkeit auf der anderen Seite. «Und ja, gemessen an den neueren Frauenbildern wirken Weinköniginnen, Schönheitsköniginnen oder Ehrendamen ziemlich aus der Zeit gefallen», sagt Rost. Wo lediglich passive Schönheit für eine Funktion vorausgesetzt werde.
Gleichzeitig weist Rost darauf hin, dass in unserer Gesellschaft heute sehr unterschiedliche Rollenbilder koexistieren. Und dass neben traditionellen oder progressiven Stimmen auch viele sich gar nicht damit auseinandersetzen und nicht hinterfragen, was solche Funktionen reproduzieren. Besonders, wenn sie in Verbindung mit Brauchtum stehen. Dort wollen Menschen eben genau das Alte und nicht das Neue sehen, betont Katja Rost. «Uns muss bewusst sein, dass Glaubwürdigkeit und Faszination oft verloren gehen, wenn Traditionen modernisiert werden.» Und gerade das Zunftwesen lebe von der Demonstration von Tradition. «Es kann deshalb eine grosse Ehre sein, zur Pflege eines lokalen Brauchtums beitragen zu können», sagt Rost. 
Ein Punkt, den nicht nur Ehrendamen in Fasnachtszünften, sondern auch in Musikgesellschaften, beim Sechseläuten, oder etwa an Schwingfesten betonen. Oft spielen dabei familiäre Traditionen, aber auch eine grössere Identifikation mit den lokalen Bräuchen eine wichtige und nachvollziehbare Rolle. Dass aber Frauen diese Rolle auch als Ehre empfinden, löst die strukturelle Problematik dahinter nicht in Luft auf. Rituale schaffen Teilhabe und Zusammenhalt, ja – sie spiegeln aber auch kulturelle und politische Werte und Normen. Werte und Normen in diesem Falle, die weit entfernt davon sind, Frauen die gleiche Macht, Verantwortung und den gleichen Platz in der Gesellschaft einzuräumen. Stattdessen drängen sie Frauen klar in eine dekorative Rolle. Männer werden mit Macht gezeigt, Frauen mit Schönheit. Die Frage ist, ob wir Frauen das weiterhin als Ehre verstehen wollen: rein dekorativ Männerbünde zu schmücken, in denen uns ausschliesslich dieser Platz zugestanden wird.

Und wenn sich auf Tradition berufen wird, dann darf man durchaus infrage stellen, wie sehr «Ehrendamen» tatsächlich schon zur «Tradition» zählen. Denn wirklich alt kann sie kaum sein. Ein Blick in die Gesichte zeigt, dass das Brauchtum rund um die Fasnachtszünfte in den seltensten Fällen vor das 20. Jahrhundert zurückreicht. Und auch die meisten Musikgesellschaften wurden erst ab Ende des 19. Jahrhunderts gegründet. Wann darin erstmals Ehrendamen eingeführt wurden, bleibt unklar – auch, weil Frauen in den meisten Texten ungenannt bleiben. Denn bis heute sind sie vor allem eines: fürs Auge da.